Sonntag, 10. Juni 2018

YouTube-Filme sind als Informationsquelle bei KFZ-Mechatroniker*innen gesetzt - Erfahrungswissen verliert an Bedeutung



Die folgenden Aussagen wurden im Rahmen eines Design-Based Research-Vorhabens zum Unterrichtsprojekt www.kfz4me.de gewonnen (vgl. Schäfer; Diezemann 2017). Das Design-Based Research-Vorhaben (vgl. Reinmann 2005) ist eingebunden in das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Forschungsvorhaben Inklusion in der beruflichen Bildung am konkreten Fall der Kfz-Mechatronik mittels Virtual Reality (InKraft). Das Forschungsdesign sieht perspektivisch vor, dass über einen Zeitraum von zwei Jahren vier Phasen mit quantitativen Online-Befragungen integriert werden. Dieser Beitrag stellt einen Teil der Ergebnisse vor, die aus der ersten Befragung resultieren. Der quantitative Teil der Erhebung bestand aus 10 Fragen. Die Online-Befragung war anonymisiert. Die Probanden konnten keine Frage überspringen. An dieser ersten Befragung zum Thema „Film(nach)nutzung“ haben 100 Auszubildende KFZ-Mechatronikerinnen und KFZ-Mechatroniker des Hönne Berufskollegs in Menden teilgenommen. Die Verteilung auf die Ausbildungsjahre zeigt Abbildung 2.


Abbildung 2: Zusammensetzung der Probanden nach Ausbildungsjahren

Die Befragungsergebnisse werden jeweils durch Erkenntnisse ergänzt, die aus systematischen Unterrichtsbeobachtungen und teilstrukturierten Interviews gewonnen wurden. 


Mit Blick auf das gewerbliche KFZ-Handwerk zeigen die Ergebnisse der Erhebung zunächst, dass YouTube und seine Technikvideos als Informationsmedien bei den Schülern gesetzt sind. Über 56% der befragten Auszubildenden schauen täglich bzw. mehrmals pro Woche YouTube-Videos zur KFZ-Technik an. (vgl. Abbildung 3). Die Auszubildenden geben an, dass sie regelmäßig Videos suchen und nutzen, um Reparatur- und Instandsetzungsprozesse durchzuführen. Dies gelte besonders dann, wenn es um Prozesse geht, die in der Praxis nicht geübt oder erfahren werden konnten.


Abbildung 3: Nutzung von Videos zur KFZ-Technik

Der Bildungsphilosoph Rainer Funke entwickelte vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen im Bereich Nachnutzung von Videos bereits 2011 die These, dass die Bedeutung von Erfahrungswissen im Arbeitsalltag über das Medium Film eine Entwertung erfahren würde. Er begründet seine These damit, dass zukünftig alle Arbeitsprozesse so exakt virtuell dokumentiert sind, dass die korrespondierenden realen Handlungen praktisch beliebig reproduziert werden können (Funke 2011, POS 666 ff. [S. 44 ff.]). Die Erhebungsergebnisse zur Studie bestätigen diese These implizit. Die Interviews und Unterrichtsbeobachtungen zeigen, dass in der Praxis besonders dann auf YouTube zurückgegriffen wird, wenn die benötigten Informationen nicht über ein Werkstattinformationssystem abgerufen können. Die informelle Art des Wissensmanagements über das Internet im Allgemeinen und YouTube im Speziellen ist daher gerade in freien Mehrmarkenwerkstätten habitualisiert.


Literatur


Funke, Rainer. 2011. Der entgrenzte Mensch: Warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhängig macht. Kindle Edition. Güthersloh: Gütersloher Verlagshaus.
Reinmann, Gabi (2005): Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. In: Unterrichtswissenschaft. 33. Jg. H.1. S. 52-69.
Schäfer, Markus und Diezemann, Eckart. 2018. kfz4me.de – designbased learning settings for Vocational Education and Traning (VET). Didactical reflection upon a learning project with car mechatronics fitters. In: Ifenthaler, Dirk (Edt.): Digital Workplace learning. Bridging formal and informal learning with digital technologies. Springer International Publishing.